7. August

aus einem einzigen Moment des Da-Seins sollte doch das ganze Universum erkennbar sein. War so ein Gedanke von mir, als ich 21 war. Scheiße, ist das lange her, und die Welt ist immer noch ein Rätsel, oder wohlwollender formuliert: ein Mysterium.

ich hab mich auch schon gefragt, ob ich noch Beziehungserfahrung brauche, schliesslich hab ich das erlebt.

die Liebe selbst ist allgegenwärtig und erfahrbar, wenn nur das Herz offen ist.

ich hatte schon Sex. ich hatte schon Befriedigung, und vor allem das Gefühl von Sinnhaftigkeit als Mann. Das war eigentlich das tiefgreifendste daran.

Das Gefühl nicht nur emotional und intellektuell, sondern auch körperlich als Mann Sinn zu haben, zu erleben.

ich glaube, das ist es, dem ich hinterher jage, dieses umfassende Sinn-Ding.

Aber macht das Sinn, sich das zu wünschen?

ich bin nicht satt geworden von diesem Gefühl, aber ist das überhaupt möglich?

und sinnvoll?

ist Fülle möglich in meinem Leben?

ist sie sinnvoll?

oder besteht, nun ja, vielleicht nicht der Sinn, aber die Aufgabe meines Lebens in Kompensationen von Mangel?

Transformation statt Erfüllung?

oder ist es gerade die Erfüllung die transformiert?

es donnert, es blitzt, es regnet und wieder zieht der Moment vorbei.

mein Lebensthema macht wieder einen auf Seife im Badewasser, und ich führe hier öffentlich Tagebuch darüber, statt meine Zeit ganz anderen Dingen zu widmen, die sich allesamt als wichtiger erachten, denn das, was mich wirklich auf Trab hält.

ein Glück, dass das keiner liest!

Ja Jaja

der Richter, wahrscheinlicher: die Richterin  – wird mich fragen, ob ich in die Scheidung einwillige, und ich werde mich einer Antwort nicht enthalten dürfen, und meine Gedanken werden zurückkehren zu dem Augenblick meiner Rede vor unseren Hochzeitsgästen.

ich hatte erklärt, dass wir die Liebe selbst feiern sollten.

Damals hatte ich noch die zahlreichen Schwierigkeiten vor Augen, die wir teils gemeinsam, teils jeder für sich überwunden hatten, um überhaupt diese Ebene von Paar-Sein zu erreichen.

Unsere Hochzeit stellte ich mir vor als Wegmarke.

Dass wir in uns in unserer Partnerschaft von diesem Moment an immer fremder werden würden, daran hatte ich nicht gedacht – nicht eine Sekunde lang.

Ich hatte geglaubt unsere Ehe würde uns einander noch näher bringen…

Vielleicht sollte ich vor Gericht darum bitten, die Fragen so zu formulieren, dass ich mit einem ‚Ja‘ antworten kann?

Dann wäre wenigstens ein ‚Ja‘ konstant…

Jaja 😉

der Morgen in grau

leben außerhalb des Ashrams bekommt mir gerade nicht wirklich gut. ich schlafe schlecht und fühle mich erschöpft. mich in selbst-verurteilenden Gedanken zu verfangen liegt viel zu nah, und überhaupt fehlt es mir an Energie.

gibt es ein richtiges Leben im falschen?

gegenwärtig eher nicht.

gegenwärtig allerdings sitze ich in der S-Bahn und bin auf dem Weg zu meiner Anwältin.

Die Frau, die ich vor 10 Jahren fragte, ob sie die meine werden will, begegnet mir heute als Antragstellerin.

Nun ja… im Kern tut das einfach weh, weil’s mich da trifft, wo ich eh zu empfindlich bin.

das Atmen fällt mir schwer…

andererseits, Werkzeug ‚Relativierung‘:

das hätte auch alles viel schlimmer kommen können.

Notiz am Rande: Schade, dass ich so doof bin. Wäre ich schlauer, dann könnte ich vielleicht sogar darüber lachen.

wäre ich schlauer gewesen damals, so hätte ich den Possessiv-Gedanken deutlicher hinterfragt. Meine Frau… ich bin Dein Mann…

für heute ein letztes ‚andererseits‘:

das war genau das, was ich wollte:

Verbundenheit, Zugehörigkeit. Heimat in Herz und Schoß ‚meiner‘ Frau.

Und äh… mmh… dieses Wollen ist immer noch da. Natürlich nicht hinsichtlich der ‚Antragstellerin‘. es flattert viel mehr frei herum. Verliebtheit auf der Suche nach einem ‚Du‘.

kann, sollte, muss und gibt mir tatsächlich zu denken.

die Liebe, die ich mir wünsche: wäre sie nicht bedingungsloser?

träte sie einem Scheidungsantrag nicht kraftvoller entgegen?

Ja, schon klar. Beziehung und Liebe, das ist nicht das Gleiche. diesbezüglich vgl. doof, ich, bin.

Ach Liebe, so unermesslich Du bist, so billig bin ich, hmm?

bin ich das? 

auch dem Ende wohnt ein Zauber inne

 ich kann und will nicht ohne Liebe leben, ohne das Gefühl im Herzen verbunden zu sein mit dem fliessenden Sein, und so sehr hatte ich mir gewünscht den Weg in eine Liebesbeziehung mit einer Frau zu finden, mit der ich das Leben teilen kann, in allen Aspekten, die eine Liebesbeziehung irgendwie ausmachen.

ich hatte mir das so sehr ersehnt, so sehr darauf gehofft, auf meine eigene Art und Weise dafür gebetet, und ich war mir so sicher, dass das auch so kommen würde.

Allein es kam nicht, es geschah nicht.

Und natürlich gibt es Gründe dafür. In und mit ruhigeren Momenten habe ich sie betrachtet, bin ihnen weiter gefolgt in Vergangenes und Gegenwärtiges, und habe dabei einiges heraus gefunden, über mich und andere, über die Liebe selbst und die Vielseitigkeit und Komplexität von Beziehung.

Das hat mich klüger gemacht, auch ein wenig weiser, vielleicht, aber Fragen, selbst gute Fragen, bewegen eher Bewusstheit als Energie.

Erhellend ist nicht dasselbe wie Erfüllend.

Mein Herz, mein Wesen und mein Sein streben aber nicht nach Erleuchtung allein.

Erleuchtung am Arsch. Irgendwann öffnen sich Geist und Herz und das Innere Sehen, und Du erkennst, dass alles verbunden und Eins ist. Dann geht’s ans Kartoffeln schälen und Holz hacken, und Du stehst da und liebst die ganze Welt, bist aber trotzdem allein.

So hatte ich mir das nicht vorgestellt, aber das Annehmen des So-Seins relativiert auch die ganzen Vorstellungen davon.

Diese ganzen Ängste, Erwartungen, Hoffnungen und persönlichen Glaubenssysteme.

Entscheidender denn je ist für mich die Frage geworden, wer ich sein will in all jenen Situationen, in denen ich nicht einfach nur ‚ich bin‘ bin.

Wer will ich sein diesseits jenseitiger Nondualität, auch und gerade in Momenten von Autopilotierung?

ich fürchte, die lässt sich eh nicht so ganz vermeiden.

ich will aber auch zufrieden sein mit mir in Augenblicken blinden Bewusstseins, in Momenten schlummernder Achtsamkeit.

ich will nicht gefühltes Opfer sein meines eigenen Denkens und Handelns.

Licht will ich sein

Liebe will ich sein und Freiheit,

einen Teil der Welt erschaffen aus mir, und nicht mich erschaffen lassen von der Welt.

was ich suchte wird mich woanders finden müssen. oder auch nicht.

Alles Liebe

Alexander